- Thema schulische Inklusion im Ausschuss für Schule und Jugend -
Eva Koch, 02.02.2013
Wir erfahren: die Sitzung des Ausschusses für Schule und Jugend am 12.02. findet nicht statt. Völlig überraschend.
Warum nicht? Wir hören: es gäbe angeblich keinen Bedarf für eine Sitzung.
Das sehen wir – um es milde auszudrücken- aber ganz anders.
Wir warten dringend auf die nächsten Bausteine zur schulischen Inklusion!
Bis Januar, hatte der Rat der Stadt Herten beschlossen, solle geprüft und berichtet werden, wo in der Verwaltung, ggf. über einen Inklusionsbeauftragten, das Thema Inklusion angedockt werden könnte. Wann werden wir jetzt eine Antwort erhalten?
Ebenso wurde beschlossen, ein Plenum zum Thema Inklusion einzurichten. Ein erster Termin und eine entsprechende Einladung sind vorzubereiten. Da die Einladung über die Sprecherrunde des Ausschusses erfolgen soll, haben wir auch hier von der nächsten Sitzung konkrete neue Absprachen erwartet.
Das sind nur zwei Beispiele, was zu tun und leider noch offen ist. Wir könnten hier noch etliches ergänzen!
Fazit: Das Ausfallen der Sitzung verschleppt das Weiterbetreiben des so wichtigen Themas erneut. Ein ersatzloses Ausfallen des ASJ bis zur nächsten geplanten Sitzung Ende April ist damit aus unserer Sicht nicht hinnehmbar. Ein Ersatztermin sollte dringend festgelegt werden.
13.01.2013
Halbherzige Inklusion
- Heute, 19.30 – 20.00 Uhr.
Jedes Kind darf eine Regelschule besuchen, auch dann, wenn es behindert ist. Das ist ein Menschenrecht, festgelegt in einer UN-Konvention. Die Landesregierung muss es umsetzen, tut sich aber schwer damit. Den angepeilten Termin im kommenden Sommer hat sie schon verschoben. Schafft sie es im nächsten Jahr? Wann kommt die Inklusion – und woran hakt es?
Jedes Kind darf eine Regelschule besuchen
Ihre Meinung
Links
- Schulministerin bricht Inklusions-Versprechen [WDR]. (21.12.2012)
- Inklusion an Schulen nimmt Gestalt an [WDR]. (20.09.2012)
- Schwerpunkt: Inklusion [WDR].
- Audios und Videos zum Thema Inklusion [Mediathek].
- Schulministerium NRW zum Thema “Inklusion, Gemeinsames Lernen”.
- Verband Bildung und Erziehung e. V..
- Landesarbeitsgemeinschaft “Gemeinsam Leben, Gemeinsame Lernen” NRW e.V..
Stand: 11.01.2013
22.12.2012:
NRW verschiebt Rechtsanspruch für behinderte Kinder
Die Inklusion – das gemeinsame Lernen mit Nichtbehinderten – kommt nun zum Schuljahr 2014/15 und damit ein Jahr später.
Düsseldorf. Nach Vorbehalten bei Eltern, Lehrern und Kommunen kommt der schrittweise Rechtsanspruch für behinderte Kinder auf ein Lernen mit nichtbehinderten Schülern erst ein Jahr später.
Der Anspruch auf die sogenannte Inklusion soll zum Schuljahr 2014/2015 starten, ein Gesetzentwurf der rot-grünen Landesregierung sei noch nicht fertig, erklärte das Schulministerium von Ressortleiterin Sylvia Löhrmann (Grüne) am Freitag.
Eigentlich sollten Kinder mit besonderem Förderbedarf vom Schuljahr 2013/14 an schrittweise einen Anspruch auf Unterricht in einer allgemeinen Schule erhalten – und Vorreiterschulen für inklusives Lernen zunächst mit den Klassen 1 und 5 beginnen. Vor allem ein Streit zwischen Land und Kommunen über die Finanzierung der Inklusion bremst aber das Verfahren.
Auf einen Referentenentwurf vom November habe es viele, sich teils widersprechende Rückmeldungen von den Verbänden geben, sagte Ministeriumssprecher Jörg Harm. „Den einen geht es zu schnell, den anderen zu langsam.“ Besonders schwierig seien die Gespräche mit den Kommunen über die Finanzierung. „Hier gibt es bisher keine Annäherung.“
Es gab Kritik von Kommunen, Eltern und Lehrerverbänden
Die Kommunen sehen das Land in der Pflicht, da das Land ihnen diese Aufgabe neu zuweise. Auch von Lehrern und Eltern kam Kritik. Der Verband Bildung und Erziehung sieht die Schulen noch nicht gerüstet für die Aufgabe. Lehrer seien grundsätzlich bereit, sich der großen Herausforderung zu stellen, sagte der VBE-Bundes- und Landesvorsitzende Udo Beckmann.
Aber: „Wir brauchen nach unseren Berechnungen mindestens 7000 zusätzliche Sonderpädagogen, wenn wir es vernünftig machen wollen.“ Bei Personal, Fortbildung und baulichen Voraussetzungen sei noch vieles zu tun. „Es ist niemandem mit einem Schnellschuss gedient, weder den Kindern mit Behinderung noch den Kindern ohne Behinderung.“
Die 2009 in Kraft getretene UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet auch alle Bundesländer, auf Elternwunsch inklusiven Unterricht anzubieten. Nach mehreren Studien sind viele Eltern nichtbehinderter Kinder skeptisch gegenüber der Inklusion und befürchten ein Absinken des Leistungsniveaus. lnw
Die Verwaltung ist diesem Auftrag mit genau einem (!) Satz nachgekommen. Sie schlägt nun vor, „zum geeigneten Zeitpunkt“ „bei Bedarf“ ein Plenum „Inklusion in allen Lebenslagen“ einzuberufen.
Die einschränkenden Formulierungen sind für uns unerträglich. Darüber hinaus ist das benannte Plenum ist in keinster Weise definiert!
Damit bleibt die Vorlage weit hinter dem politischen Konsens zurück.
Damit bleibt die Vorlage aber auch insbesondere hinter der UN Behindertenrechtskonvention zurück. Dort ist die aktive gesellschaftliche Beteiligung und insbesondere die Beteiligung Betroffener ausdrücklich, als Pflicht für alle staatlichen Ebenen, also auch für die Kommunen, vorgesehen. (Präambel,; Art. 4 (3/5). Die politischen Parteien in Herten haben dies verstanden.
Die Vorlage darf deshalb so nicht verabschiedet werden!
Wir begrüßen des weiteren den Antrag der CDU vom 08.10.12 zur Umsetzung der UN Behindertenrechtskonvention. Die Einführung eines städtischen Inklusionsbeauftragten wird von uns ausdrücklich unterstützt. Die Erwartung, dass die Verwaltung der Aufgabe Inklusion allein durch Definition als Querschnittsaufgabe wirksam gerecht werden könnte, kann sich jedenfalls nicht auf Erfahrungen oder Beispiele stützen und bleibt daher unrealistisch. Wir erinnern daran, dass gleichermaßen bedeutende und weitreichende Aufgabenstellungen, nämlich Gleichstellung oder Integration von Migranten, in derselben Weise organisiert wurden und- hierdurch- erfolgreich vorangetrieben werden konnten.
Wir halten daher die Einführung eines Inklusionsbeauftragten für unverzichtbar. Insbesondere kann ein Inklusionsbeauftragter „Motor“ im politisch gewollten beteiligungsorientierten Umgestaltungsprozess hin zur Inklusion werden und ein wesentlicher Ansprechpartner für Bürger und Betroffene sein.
Die Vorlage lehnt die Einführung eines Inklusionsbeauftragten – ohne vorherige Diskussion- aus finanziellen Gründen ab.
Dies halten wir für vorschnell!
Wir gehen davon aus, dass die Stelle eines Inklusionsbeauftragten ggf. haushaltsneutral realisiert und im Rahmen des vorhandenen Stellenplans durch Neuorganistion von Zuständigkeiten eingerichtet werden könnte.
Eva Koch
Initiative Bildung in Herten
Hertener Allgemeine
Sekundarschule als VorreiterInklusion in der Martin-Luther-Schule
21. Oktober 2012 09:17
WESTERHOLT. Eine Vorreiterrolle beim Thema Inklusion will die Martin-Luther-Sekundarschule einnehmen, die im August ihre Arbeit aufgenommen hat. Inklusion meint die bedingungslose und vollwertige Teilhabe von Behinderten an allen Bereichen des öffentlichen Lebens – ein echtes Miteinander statt eines Nebeneinanders.
Henrik Jurisch (M.) und Dominik David (r.), hier mit Rektor Hermann Kuhl, lernen in der Sekundarschule bald gemeinsam mit behinderten Kindern.
Foto: Frank Bergmannshoff
Ab dem nächsten Schuljahr soll es nach dem Willen von Politik und Stadtverwaltung an Hertener Schulen gelebte Inklusion geben. Die Martin-Luther-Sekundarschule will die Pionierrolle übernehmen und spezielle Lerngruppen einrichten. Dieses Ansinnen von Rektor Hermann Kuhl wurde in der Schulkonferenz von Eltern- und Lehrervertretern einhellig begrüßt. Kuhl: „Die Lerngruppen passen gut in unser Konzept der Lernbüros, in denen jeder Schüler nach seinem Ermessen lernen kann.“ Die Sekundarschule sei auch deshalb als Vorreiter gut geeignet, weil ihr Konzept noch im Aufbau und somit flexibel sei. Allerdings, so Hermann Kuhl: „Wir können keine Rollstuhlfahrer aufnehmen, da unsere Schule nicht barrierefrei ist.“
Naturerlebnisgarten
BUND-Projekt: „Inklusion in der Natur“
15.10.2012 | 17:52 Uhr
„Mutter Natur“ ist eine ehrliche Haut. Ihr ist es egal, wer sie besucht. Dick oder dünn, groß oder klein, mit oder ohne Beeinträchtigung – völlig egal. Hauptsache, man hat Respekt und benimmt sich artig. ... hier mehr
Das LVR-Landesjugendamt Rheinland unterstützt die Entwicklung von inklusiven Konzepten auf kommunaler Ebene, in den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe und der Schule sowie im Gemeinwesen insgesamt. Nun wurde dazu eine Broschüre erstellt: „Die offene Ganztagsschule als inklusiven Bildungsort entwickeln“. Darin ist ein nachzulesen, wie wichtig der kommunale Steuerungsprozess von Inklusion ist und wie dieser Prozess erfolgreich umgesetzt werden kann. … hier mehr
Die beiden Gutachter Prof. Klaus Klemm und Prof. Ulf Preuss-Lausitz wurden vom Schulministerium NRW beauftragt, Empfehlungen für die Entwicklung eines inklusiven Schulsystems in Nordrhein-Westfalen zu erarbeiten. In ihrem Gutachten haben die Wissenschaftler der Landesregierung eine schrittweise Überführung der Lehrkräfte für Sonderpädagogik aus den Förderschulen in die allgemeinen Schulen empfohlen. Innerhalb von zehn Jahren könnte nach den Vorschlägen von Klemm und Preuss-Lausitz eine Inklusionsquote von 85 % erreicht werden. ..hier. mehr
Aktionsplan der Landesregierung.
Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonven
“Eine Gesellschaft für alle – NRW inklusiv”.
zum PDF-Dokument … klick
offene Fragen zum Thema Inklusion sollen geklärt werden
SPD Anfrage an den Landtag (klick) / FDP Anfrage an den Schulausschuss (klick)
FDP/FW-Fraktion – Inklusion: Auch für die Allerkleinsten (klick)
Uschi Nienhaus-Böhm, Gesamtschullehrerin seit 25 Jahren, davon seit 23 Jahren in Integrationsklassen berichtet:
Inklusion oder Exklusion?
Während Parteien und Verbandsfunktionäre, Hochschullehrer, Pädagogikexperten und Journalisten heftig über Inklusion diskutieren, Politiker erste Schritte einleiten, die ihrer Vorstellung von einer möglichst kostengünstigen Umsetzung entsprechen und verhindern sollen, dass die Debatte aus dem Ruder oder in die falsche Richtung laufen könnte, ist es an meiner integrierten Gesamtschule seltsam still. Die KollegIn-nen, die die Pläne am Ende umsetzen sollen, verhalten sich abwartend. Das liegt nicht nur daran, dass offenbar von politischer Seite gar kein Wert darauf gelegt wird, unsere Meinung zu hören und unsere Erfahrungen in die neuen Planungen einzube-ziehen. Die Gründe der Passivität sind nach meinem Eindruck vielfältig: lesen Sie hier den vollständigen Bericht... klick und weiteres aus Herten.... hier
http://www.dielinke-herten.de/fileadmin/lcmssvherten/Dateien/FRAKTION/12-06-25%20Nienhaus-B%C3%B6hm%20Inklusion%20oder%20Exklusion.pdf
Inklusionplan für Kölner Schulen
Zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung hat der Rat beschlossen, einen Inklusionsplan für Kölner Schulen zu entwickeln. hier klick zum Seite
Hier sollte unsere (Schul-) Verwaltung endlich einsehen, dass nationales sowie internationales Recht das “Hertener Ortsrecht” bricht.
Auftaktveranstaltung: die WAZ und H.A. berichtet
WAZ am 2. Juni 2012
klick Bildvergrößerung
„In Herten liegt die Inklusion brach“
Initiative Bildung in Herten stellt Bürgerantrag und sucht Mitstreiter. Sekundarstufe I mit integrativer Lerngruppe fehlt
Von Irene Stock (WAZ)
Herten. Was sind Eriks (9) Lieblingsfächer? Pause. Erik überlegt und rattert dann runter: „Sachkunde, Englisch, Lesen.“ Erik ist Drittklässler, taub, trägt ein Cochlea-Implantat und wird in der Grundschule „In der Feige“ integrativ beschult. „Mehr schlecht als recht“, sagt seine Mutter Eva Koch. Manchmal werde der Sonderpädagoge der Klasse (29 Schüler, davon werden sechs integrativ beschult) einfach abgezogen, werde er krank, gebe es keinen Ersatz. „Da wo Integration läuft, läuft sie schlecht.“ Es gebe nicht mal einen Pool mit Ersatzlehrern.
Das will die „Initiative Bildung in Herten“ ändern. Zwei Handvoll Hertener, „der harte Kern“, wie Manfred Schwierske sagt, wollen die Schulqualität in Herten verbessern, an der Entwicklung der Schullandschaft beteiligt werden, denn beides tue dringend Not, ist die Initiative überzeugt. Wie kann die Bildung für alle Schulen in Herten verbessert werden? Wie werden Schüler individuell gefördert? Wie treibt die Stadt das Thema Inklusion voran? Fragen, die die Initiative umtreiben.-
„Wir wollen, dass unser Sohn vor Ort zur Schule geht“
Inklusion nennt sich das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung. Seit 2009 die UNO-Behindertenrechtskonvention in Kraft trat, müssen deutsche Schulen sie anbieten, wenn Eltern es wünschen. Zurzeit sind 20 Prozent der Förderschüler in Nordrhein-Westfalen in einem gemeinsamen Unterricht mit den anderen Schülern. 80 Prozent besuchen eine Förderschule. „In Herten liegt das Thema Inklusion völlig brach“, klagt Eva Koch. Zwar besuche der Sohn eine integrative Grundschule. „Aber was kommt danach, wenn alle Hauptschulen in Herten aufgelöst werden?“ Keine Sekundarstufe I verfüge über eine integrative Lerngruppe, in der Kinder zieldifferent unterrichtet würden bzw. Eltern einen Anspruch auf Aufnahme durchsetzen könnten. Die Stadt Herten weise in der Umsetzung der UN-Konvention – auch im Vergleich zu anderen Kommunen des Kreises Recklinghausen – bisher „deutliche Defizite“ auf. „Deshalb fordern wir, dass in Herten aus den verschiedenen allgemein bildenden Schulen und den Förderschulen ein inklusives Bildungssystem aufgebaut wird“, so Eva Koch und ihre Mitstreiter. Ein entsprechender Antrag ist an den Rat gegangen und wird „hoffentlich“ (Koch) am 13. Juni diskutiert. Optimal wäre eine integrative Lerngruppe an zwei Standorten mit Sekundarstufe 1 im Hertener Norden bzw. Herten-Paschenberg / Mitte. „Wir wollen, dass unsere Sohn vor Ort zur Schule geht“, sagt Ingo Koch. Erik wünscht sich, dass er einfach mit seinen Klassenkameraden zusammenbleibt.
Die Initiative „Bildung in Herten“ lädt am 18. Juni, um 17.30 Uhr an die Wiesenstraße 18 (Schwierske) ein. Ende August ist ein Info-Abend „Inklusion“ geplant.
Hertener Allgemeine v. 05.06.2012
Es geht um die bestmögliche Förderung aller Kinder
„Initiative Bildung in Herten” stellt Bürgerantrag zum Thema Inklusion
VON FLORIAN ADAMEK
HERTEN. Vernachlässigt, weggeschoben, verdrängt: Das Thema Inklusion findet in Hertens Bildungslandschaft fast nicht statt.
„Nach der Grundschulzeit müssen wir betteln gehen”, sagt Eva Koch provokativ. Ihr Sohn Erik möchte auch nach dem Übergang zur weiterführenden Schule mit seinen Freunden in eine Klasse gehen. Kein besonderer Wunsch für einen Neunjährigen – denselben Schulweg haben wie die Kollegen, gleiche Stundenpläne wie die Nachbarskinder, zur selben Zeit frei haben, um gemeinsam etwas unternehmen zu können.
Aber: Erik ist taub, der Bursche trägt ein Implantat, das ihm eingeschränkt das Hören ermöglicht. Deshalb braucht der junge Mann einen – so heißt das im Pädagogendeutsch – Nachteilsausgleich. Eriks Lehrer in der „Süder Grundschule/Standort In der Feige” müssen in ein Mikrofon sprechen, wenn die Nebengeräusche zu laut sind. Dann wird das gesprochene Wort direkt zu Erik gefunkt und der Drittklässler kann dem Unterricht besser folgen.
Nur ein Beispiel von mehreren, nur eine Hürde von vielen, denen sich die Pädagogen in der Grundschule stellen. Dabei läuft bei weitem nicht alles glatt. „Ganz im Gegenteil”, sagt Eva Koch und verdreht die Augen. Aber es läuft. Mit viel zu vielen Schülern in einer Klasse und viel zu wenig Unterstützung für die Lehrer. Aber es läuft. Jetzt noch ein Jahr, dann verlässt Erik die Grundschule. Der vorgezeichnete Weg führt in Deutschland auf die Förderschule.
„Abgeschoben an den Rand der Gesellschaft und stigmatisiert”, sagen die Mitglieder der „Initiative Bildung in Herten”, zu der Eriks Eltern gehören. Pädagogen an Förderschulen sehen das anders und preisen die Förderung in einem Schonraum. Es ist eine Auseinandersetzung der Überzeugungen. Und eines ist klar, am Ende wird es nur ein Modell geben: Förderschule oder Inklusion -und liest man die geltende UN-Konvention (Info-Kasten), scheinen die Würfel gefallen. Um parallel beide Strukturen zu bezahlen, fehlen die finanzielle Mittel.
Kluft klafft zwischen Recht und Realität
Doch zwischen geltendem Recht und gelebter Realität klaffen in Herten riesige Kluften: Mutter Eva, Vater Ingo und Sohn Erik müssen von weiterführender Schule zu Schule tingeln, von Rektor zu Rektor, und an den Regelschulen um Verständnis bitten. Bisher waren besonders die Hauptschulen kooperativ. Mit der Martin-Luther-Schule läuft die letzte ihrer Art in Herten jetzt aus.
Vernachlässigt, weggeschoben, verdrängt – und das, obwohl die Schullandschaft in Herten neu geordnet wurde, das Thema wochenlang auf der politischen Tagesordnung stand. Während die UN-Konvention seit 2009 für Deutschland rechtsgültig ist, wartet man hier auf Impulse aus Düsseldorf. Damit will sich die Initiative nicht begnügen. „Andere Kommunen im Kreis sind viel weiter”, sagt Eva Koch und befürchtet, dass das Thema verschleppt wird.
Deshalb stellt die Initiative in der Ratssitzung am 13. Juni einen Bürgerantrag, der eine Resolution beinhaltet. Die wird voraussichtlich in der Sitzungsfolge nach der Sommerpause beraten. „Das wäre ein Anfang”, sagt Eva Koch, wohlwissend, dass der Prozess Inklusion nie abgeschlossen sein wird. Trotzdem muss man beginnen.
Die UN-Konvention im Detail
HERTEN, (flo) Die UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) ist ein abgeschlossener völkerrechtlicher Vertrag. Artikel 24: „Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Die Staaten gewährleisten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen. Bei der Verwirklichung dieses Rechtes stellen die Vertragsstaaten sicher, dass
- Menschen mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Schulsystem ausgeschlossen werden
- Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem inklusiven hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen haben
IM BLICKPUNKT
Im Blickpunkt
Inklusion ist ein Menschenrecht
UN-Konvention lässt wenig Interpretationsspielraum – Anderssein ist normal
HERTEN, (flo) Der Gedanke der Inklusion ist Leitbegriff der UN-Behindertenrechtskonvention (BRK), die seit 2009 auch für Deutschland bindend ist. Inklusion steht für die Offenheit der Gesellschaft, für eine Vielfalt, die Menschen mit Behinderungen uneingeschränkt einschließt.
Der Begriff in der UN-Konvention geht damit weit über das hinaus, was land- läufig mit „Integration” umschrieben wird. Im Zusammenhang mit Inklusion geht es nicht nur darum, innerhalb bestehender Strukturen auch für Menschen mit Behinderungen Raum zu schaffen. Es geht darum, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass sie der Vielfalt menschlicher Lebenslagen von vornherein gerecht werden. Kurz gesagt: Nicht der Mensch mit Behinderungen soll „passend gemacht” werden, um ihn in die Gesellschaft zu integrieren. Die Gesellschaft soll so gestaltet werden, dass jeder Mensch mit Behinderung alle Angebote problemlos wahrnehmen kann.
Bezogen auf Schule bedeutet das, dass alle Schüler unterschiedliche Bedürfnisse haben. Viele dieser Bedürfnisse werden von der Mehrheit der Kinder geteilt und bilden die gemeinsamen Erziehungs- und Bildungsbedürfnisse. Alle Schüler haben darüber hinaus aber ganz individuelle Bedürfnisse, die unterschiedlich ausgeprägt sind. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, ist die Bereitstellung spezieller Mittel und Methoden notwendig. Dieses Prinzip gilt für alle Schüler – nicht-behindert oder behindert.
Eine zentrale Rolle spielt in der Inklusionspädagogik der Besuch einer wohnortnahen, allgemeinen Schule. Die UN- Konvention formuliert das als Menschenrecht. Diese Schule muss den Bedürfnissen aller Schüler gewachsen sein. Es soll also eine Schule für allen konzipiert werden, aus der kein Kind mehr ausgeschlossen wird, weil es den Anforderungen nicht entsprechen kann.
Inklusion ist aber nicht nur ein Bildungsthema, Inklusion ist eine Entwicklung und betrifft unser gesamtes Leben. Bei Angeboten für Kinder, bei Kindertageseinrichtungen und Schulen, beim Arbeiten und Wohnen, beim Gang zum Arzt sowie bei Freizeitmöglichkeiten. Die UN- Konvention will Menschen von dem vermeintlichen Normalitätsbegriff abbringen, durch die alle an den Rand gedrängt werden, die dem vorherrschenden Ideal uneingeschränkter Leistungsfähigkeit eben nicht entsprechen können.
Eltern erwarten in NRW jetzt konkrete Schritte in Richtung Inklusion
Die Landesarbeitsgemeinschaft Gemeinsam Leben, Gemeinsam Lernen e.V. NRW erwartet von der neuen Regierungskoalition konkrete Schritte zur Umsetzung der Un-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Bei den anstehenden Koalitionsvereinbarungen müssen jetzt die Weichen für ein inklusives Schulsystem gestellt werden, das den Anforderungen des Völkerrechts entspricht, fordert der NRW-Elternverband.
Die unter der rot-grünen Minderheitenregierung vorgelegten “Eckpunkte für den Weg zur inklusiven Schule in NRW” bleiben nach Ansicht der Eltern weit hinter den Anforderungen der UN-Behindertenrechtskonvention zurück und lassen viele Fragen offen. Durch das eindeutige Wahlergebnis haben SPD und Bündnis 90/Die Grünen jetzt die Chance, die richtigen Signale in Richtung Inklusion zu setzen.
Der Elternverband fordert einen uneingeschränkten Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Regelschule für alle Kinder. Nach den Plänen der bisherigen Minderheitsregierung sollte der Anspruch auf Inklusion auf Kinder der Klassen 1 und 5 beschränkt bleiben. Das ist nach Ansicht des Elternverbandes nicht mit der UN-Konvention vereinbar.
Die UN-Konvention schreibt vor, dass Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf bei der Aufnahme in eine Schule die für sie angemessenen Vorkehrungen zum Lernen vorfinden.
Dazu müssen vor Ort Strukturen geschaffen werden. Eltern müssen sich im Vorfeld darauf verlassen können, dass die Bedingungen stimmen, so der Elternverband. Notwendig ist vor allem eine gute personelle Ausstattung inklusiver Schulen mit Lehrern, Sonderpädagogen, aber auch mit anderen pädagogischen Fachkräften, Therapeuten und Schulhelfern.
Der Elternverband fordert eine verlässliche Finanzierung der inklusiven Schule, statt über die Umschichtung der schulischen Demografiegewinne in andere Politikfelder zu diskutieren. Allen Beteiligten müsse klar sein, dass Inklusion nicht zum Nulltarif zu bekommen ist.
LAG Gemeinsam Leben, Gemeinsam Leben NRW e.V.
Postfach 16 02 25, 44332 Dortmund
www.gemeinsam-leben-nrw.de info@gemeinsam-leben-nrw.de
Kontakt: Michael Baumeister, Dorsten, 0172 3596 399, michael@mbauweb.de
INKLUSION Gemeinsam anders
In Deutschland wird über die Abschaffung der Sonderschulendiskutiert. Italien hat das schon hinter sich. Was lernt man
daraus? Ein Besuch in Südtirol lesen Sie mehr hier..Schule-Inklusion
Von Integration zur Inklusion
Wie kann der Begriff „Inklusion“ die traditionelle Integrationsdebatte weiter entwickeln? Wie können wir Integration im Leitbild einer inklusiven Gesellschaft neu begreifen? Diesen Fragen geht Cem Özdemir in seinem Namensbeitrag für das MiGAZIN nach.
Der Autor ist Bundesvorsitzender von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, 22. Dezember 2011
In dem Anfang 2011 veröffentlichten „Manifest der Vielen“ beschreibt Ferdos Forudastan, wie sich die Kinder, Enkel und Urenkel der ersten Einwanderer-Generation in der bisher übliche Aufteilung unserer Gesellschaft in ein „Wir“ und „Ihr“ immer weniger wiederfinden. Dazu passt auch, dass die taz kurz davor aufgerufen hatte, ein neues Wort anstelle des leidigen und sperrigen Begriffes „Menschen mit Migrationshintergrund“ vorzuschlagen, leider noch ohne durchschlagenden Erfolg. Es ist offenbar alles andere als leicht, einen der ganz elementaren Veränderungsprozesse in unserer Gesellschaft in Worte zu fassen bzw. in einem Begriff angemessen abzubilden.
Auf dem letzten Parteitag im November 2011 in Kiel haben Bündnis 90 / Die Grünen nun ein Papier beschlossen mit dem Titel „Vielfalt leben in einer inklusiven Gesellschaft“. Darin stellen wir uns die Frage (wie sie ja auch in dem aktuellen MiGAZIN-Dossier zum Ausdruck kommt), wie der Begriff „Inklusion“, der im Hinblick auf Menschen mit Behinderungen verwandt wird, auch die traditionelle Integrations-Debatte weiter entwickeln kann bzw. wie wir Integration im Leitbild einer inklusiven Gesellschaft neu begreifen können.
Eine blockierte Gesellschaft
Chancengleichheit ist für mich eine republikanische Errungenschaft. Sie erweitert den rechtlichen und politischen Gleichheitsanspruch der Demokratie auf die soziale Sphäre. In diesem Sinne verstehe ich sozialen Aufstieg immer als praktizierte Chancengerechtigkeit. Doch leider leben wir in vielfacher Hinsicht in einer blockierten Gesellschaft. Die tatsächliche Möglichkeit, dass Menschen durch Bildung und Erwerbsarbeit sozial aufsteigen (können), funktioniert in unserer Gesellschaft nicht mehr richtig, denn gerade Kinder aus sozial schwächeren Familien haben hier deutlich weniger Chancen. Das gilt für Menschen deutscher wie auch nicht-deutscher Herkunft gleichermaßen. Zugleich sind Menschen mit Migrationshintergrund (sic!) in Deutschland, trotz unzähliger Erfolgsgeschichten, nicht nur wesentlich häufiger von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen. Sie sind auch der Ausgrenzung im deutschen Bildungssystem, das die Kinder bekanntermaßen früh in verschiedene Pfade sortiert (bzw. aussortiert), in besonderem Maße ausgesetzt. Und aktuelle Studien zeigen, dass Kinder aus sozial schwächeren Familien auch dann Ausgrenzung erfahren, wenn sie ebenso gute Leistungen wie Kinder aus anderen Familien aufweisen.
Tatsache ist aber auch, dass in unserer Gesellschaft nicht nur „Menschen mit Migrationshintergrund“ oder Menschen mit körperlichen, intellektuellen bzw. psychischen Beeinträchtigungen diskriminiert werden. Auch junge und alte Menschen, arme Menschen, Frauen, sog. queere Menschen (also Lesben, Schwule und Transgender) sowie Angehörige bestimmter Religionsgruppen werden in unterschiedlicher Form an der selbstbestimmten und gleichberechtigten Teilhabe an unserer Gesellschaft gehindert.
Der Denkansatz inklusiver Politik
Ziel einer Politik der Inklusion ist die Schaffung einer Gesellschaft, in der jeder Mensch an der Gesellschaft gleichberechtigt teilhaben kann, genauso, wie er oder sie ist. Eine inklusive Politik schätzt die Vielfalt der unterschiedlichen Lebensrealitäten. Unterschiede werden anerkannt und nicht hierarchisiert. In einer inklusiven Gesellschaft ist es akzeptierte Normalität, verschieden zu sein.
Maßstab inklusiver Politik ist das Recht aller auf Selbstbestimmung und auf gleiche Lebenschancen. Jeder Mensch hat demnach – unabhängig von ihren/seinen persönlichen Merkmalen – den gleichen Anspruch auf Würde, auf barrierefreien Zugang zur gesellschaftlichen Infrastruktur, zu Produkten und Dienstleistungen und die gleichen Rechte auf Teilhabe an der Gesellschaft.
Aufgabe inklusiver Politik ist es nun zunächst, herauszufinden, welche Hindernisse die gleichberechtigte Teilhabe bzw. den Aufstieg der verschiedenen ausgegrenzten Gruppen in die sozio-ökonomische Mitte erschweren. Inklusive Politik ist dann bestrebt, Lösungen zu entwickeln, von denen möglichst verschiedene von sozialer Ausgrenzung betroffene Zielgruppen profitieren können.
Das mag abstrakt klingen. Ich meine jedoch, dass die Vorstellung und das Leitbild eines inklusiven gesellschaftlichen Miteinanders helfen können, den offenkundig ins Stocken geratenen Integrationsdiskurs weiter zu entwickeln und das Ziel der Teilhabe aller in unserer Gesellschaft voran zu bringen.
Von Integration zur Inklusion
Ziel von Integrationspolitik im Allgemeinen ist es, neu hinzugekommene bzw. ausgeschlossene Gruppen in die Gesellschaft (wieder) einzugliedern: So sollen z. B. Arbeitslose in den Arbeitsmarkt „integriert“ werden. Und Menschen mit Migrationshintergrund sollen – so die traditionelle Sicht – (freiwillig oder mit Druck) an die „Normalität“ der Mehrheitsgesellschaft angepasst werden, ganz gleich ob sie der ersten, zweiten oder dritten Generation angehören.
Eine Politik der Inklusion hingegen geht davon aus, dass spätestens die zweite und alle nachfolgenden Einwanderergenerationen ebenso wie eben z. B. Menschen mit Behinderungen nicht außerhalb unserer Gesellschaft stehen – sie sind doch vielmehr hineingeborener Bestandteil derselben und müssen nicht erst noch integriert werden. Anstatt diese Kinder, Enkel und Urenkel der ersten Einwanderergeneration als gleichberechtigt zu akzeptieren, gilt es aber als scheinbarerer common sense, diese hier geborenen und aufgewachsenen Menschen immer noch erst „integrieren“ zu wollen. Dabei sind diese längst Teil des „Wir“, was genauso und übrigens nicht erst 50 Jahre nach dem Beginn der Anwerbung von Arbeitskräften auch für die erste Generation gilt.
Der Begriff „Migrationshintergrund“ ist für sich genommen ein überschätztes, weil in der Regel wenig aussagekräftiges Kriterium. Armut ist nämlich weder eine Frage des Passes noch der ethnischen Herkunft, sie hat vor allem anderen soziale Ursachen. Wenn ich Gruppen mit ähnlichen bildungsmäßigen und sozialen Rahmenbedingungen vergleiche, bestehen im Hinblick auf die wichtigen Ausgrenzungsparameter praktisch keine Unterschiede, auch nicht zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund.
Das wiederum macht meines Erachtens deutlich, dass das vorherrschende Integrationsverständnis zwar gut gemeint sei mag. Es erweist sich letztlich aber als ein untaugliches Gesellschaftsbild. Es ist Ausdruck einer unsachgemäßen Wahrnehmung unserer de facto längst multikulturellen Gesellschaft. Und wer so denkt, der findet dann eben auch nicht die richtigen Wörter, um die gelebte Vielfalt unserer Gesellschaft adäquat auszudrücken.
Kein Abschied von der Integration
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Integrationspolitik als solche wird damit nicht obsolet. Die Verbesserung der Lebensmöglichkeiten und der sozialen Aufstiegschancen von Neu-EinwanderInnen ist und bleibt eine wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe. Die 2004 von Rot-Grün eingeführten Sprachkurse sind für diejenigen, die bisher noch nicht die Chance hatten, die deutsche Sprache zu erlernen eine elementare Voraussetzung für Inklusion.
Und um mit einem anderen Missverständnis aufzuräumen: Vielfalt bedeutet nicht, unsere Gesellschaft in lauter Partikulargruppen zerfallen zu lassen. Ein soziales Miteinander in einer inklusiven Gesellschaft wird, das ist meine feste Überzeugung, nur auf der Grundlage gemeinsam entwickelter Wertvorstellungen möglich sein. Dieses einigende Band einer inklusiven Gesellschaft sind für mich die universellen Werte der Menschenrechte. Danach soll jeder Mensch mit identischen Rechten und Pflichten wahrgenommen werden – ungeachtet von Herkunft, Geschlecht, Religion, Weltanschauung, Alter, sexueller Identität oder Behinderung. Diese uneingeschränkte Akzeptanz der Menschenrechte sowie die Möglichkeit zur Verständigung in einer gemeinsamen Sprache sind meines Erachtens unabdingbare Voraussetzungen für eine gleichberechtigte und selbstbestimmte Teilhabe Aller. Erst der gegenseitige Respekt erzeugt in einer vielfältigen Gesellschaft wie der unsrigen die notwendige Identifikation mit unserer demokratischen Gemeinwesen – allerdings nur dann, wenn der Grundsatz anerkannt wird, dass die Freiheit des Einzelnen immer da aufhört, wo die Freiheit anderer eingeschränkt wird. Maßstab ist hier unser Grundgesetz.
Eine inklusionspolitische Agenda
Der oben genannte Beschluss von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN versteht sich ausdrücklich als Impuls und Gesprächsangebot. Denn machen wir uns nichts vor: Auch wir, die zweite und dritte Einwanderergeneration, haben selber auch noch keine adäquate Begrifflichkeit. Es bewegt sich jedoch einiges und gemeinsam mit Gruppen wie z. B. „Deutsch Plus“, „Typisch Deutsch“, den „Brückenbauern“, mit dem „Zahnräder Netzwerk“ oder mit der „MiGAZIN“-Redaktion (die alle entlang dieser hier diskutierten Frage entstanden sind) sollte es uns gelingen, einen eigenständigen Beitrag für eine inklusionspolitische Agenda auf die Beine zu bringen. Wir sollten das gängige Verständnis über Integration vom Muff befreien, der unseren „lieben ausländischen Mitbürgern“ so gern entgegengebracht wird. Wir brauchen vielmehr eine klare Sicht darauf, was diejenigen, die unter sozialer Ausgrenzung leiden (ob nun Dimitri, Dilan oder Diana) verbindet – anstatt künstlich immer davon auszugehen, was sie angeblich alles unterscheidet.
Textquelle: http://www.migazin.de/2011/12/22/cem-oezdemir-von-integration-zur-inklusion/







2 Kommentare
kinderfreund
6. Juni 2012 von 19:31 (UTC 0) Link zu diesem Kommentar
Auf die Rahmenbedingungen warten wir Förderschullehrer auch. Obwohl es weder ein Gesetz, Welches das Elternwahlrecht beinhaltet gibt, noch weitere Umsetzungsrichtlinien, wird bei uns schon kräftig “inkludiert”. Die Vorwaltungsvorschrift seites des Bildungsministeriums lautet:
“Integrative Lerngruppen
an allgemeinen Schulen der Sekundarstufe I
“…. Dies erfordert einen Gestaltungsprozess,
der von den bestehenden Regelungen und den vorhandenen Strukturen
und Ressourcen ausgeht und diese auf der Grundlage eines Inklusionsplans
weiterentwickelt. Bis dahin sollen Schulträger und Schulaufsicht
im Rahmen der bestehenden Regelungen alle Möglichkeiten ausschöpfen,
um dem Elternwunsch so weit wie möglich Rechnung zu tragen.
Dem dienen die nachstehenden Änderungen der Verwaltungsvorschriften
zu § 37 der Verordnung über die sonderpädagogische Förderung,
den Hausunterricht und die Schule für Kranke.”
Den Eltern, die auch ohne die notendigen Rahmenbedingungen darauf beharren, dass ihre Kinder im Regelschulsystem beschult werden gebe ich folgende Tatsachen mit auf ihren Entscheidungsweg:
- Der Markt an Sonderpädagogen ist leer gefegt. Die an den ja noch existierenden Förderschulen arbeitenden Kolleginnen und Kollegen leisten den Spagat zwischen ihrer Stammschule, an der sie versuchen die Qualität der unterrichtlichen Versorgung beizubehalten und der Regelschule, an die sie zum “Inkludieren” abgeordnet wurden. Das bedeutet für einige sehr, sehr lange Anfahrtszeiten und ein Pendeln zwischen mehrern verschiedenen Schulen ohne Anrechnung der Fahrzeit als Arbeitszeit usw.
- Um diesen Förderschullehrermangel entgegen zu wirken, gibt es seit dem 6.01.12 auch die Möglichkeit, dass Lehrer aller Lehrämter nun auch abgeordnet werden dürfen, auch wenn sie von Sonderpädagogik absolut keine Ahnung haben.
- Seit die Universitäten ihre Studienfächer selbst auswählen dürfen, hat das Land keinen Einfluss auf die Ausbildungszahlen. Da es für die UNIS lukrativere Studiengänge gibt, werden nur wenige neue Sonderpädagogen ausgebildet. Das heißt weiterhin, dass der Numerus Clausus sehr hoch ist und wenige neue Lehrer in allen sonderpädagogischen Fachrichtungen ausgebildet werden.
- Die qualifizierte Ausbildung dauert inklusive des Referendariats mindestens 5-6 Jahre. Das bedeutet weiterhin, dass es in naher Zukunft nicht genügend Förderschullehrer geben kann und wird.
- Die UNIS möchten für den Studiengang Geld vom Land, das sie nicht bekommen.
Das Bildungsministerium plant daher eine “Pädagogische Einführung”, um aus einem Lehrer,egal welcher Lehrämter, einen Sonderpädagogen zu machen. Nachzulesen hier:
http://www.schulministerium.nrw.de/BP/LEOTexte/Erlasse/Seiteneinstieg_-_Paedagogische_Einfuehrung.pdf
Zur Qualität einer solchen “Einführung” möchte ich lieben keinen Kommentar abgeben.
- Tatsache ist auch, dass die Förderstunden immer mehr gestrichen werden, weil die personellen Ressourcen einfach nicht vorhanden sind.
- Tatsache ist auch, dass es kaum qualifizierte Fortbildungsveranstaltungen für Regelschullehrer gibt, da eigentlich keiner so genau weiß, wie Inklusion umgesetzt werden soll. Wir wüssten es, aber uns fragt man nicht. Unsere Vorschläge würden sehr, sehr viel Geld kosten. Geld , welches das Land nicht hat und die Kommunen, die für die baulichen, räumlichen und materiellen Ausstattungen zuständig sind, erst recht nicht.
- Tatsache ist auch, dass viele Regelschulen mit dieser strukturlosen Inklusionsaufgabe restlost überfordert sind. Wir Förderschullehrer auch.
- In Hamburg und Bremen, die mit der sehr hohen Inklusionsquote, können sie sehen, was passiert, wenn dieser wünscheswerte Prozess kopflos durchgeführt wird. Hier eine Kostprobe:
http://www.radiobremen.de/mediathek/index.html?id=066128
Googlen Sie doch mal einfach bei Radio Bremen unter dem Stichwort “Inklusion”.
- Tatsache ist ebenso, dass in der UN Konvention mit keinem Wort steht, dass die Sonderschulen, um die uns viele Länder beneiden, abgeschafft werden sollen. Lediglich vom Zugang zur Bildung ist hier die Rede. Förderschulen ermöglichen qualititiv hohe Bildung. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Eltern von Kindern mit Behinderungen den Wunsch haben, dass die Gesellschaft sie voll eingliedert. Das aber ist eher ein gesellschaftliches Problem, das wachsen muss. Schulen allein können diese Aufgabe nicht stämmen.
- Völlig unklar ist auch das Berufsvorbereitungskonzept von Förderschülern im Regelschulsystem. Wer kümmert sich wann um was?
Wer vernetzt die beteiligten Institutionen? Was wird auch diesen Kindern? Meine Entlassschüler ( 6 davon aus dem Regelschulsystem kommend) sind bestens versorgt. Fünf gehen direkt in die Lehre, andere holen Abschlüsse nach oder besuchen Förderlehrgänge, die ihnen mit finanzieller Hilfe des Arbeitsagentur eine Lehrstelle ermöglichen. Erfahrungsgemäß machen die meisten unserer Ehemaligen eine Ausbildung. Wird das im Regelschulsystem genau so sein?
- Es entsteht bei mir der Eindruck, dass alle Förderschüler nur in Regelschulsystem müssten, hier qaulifizierte Abschlüsse erlangen und dann ein volles Mitglied der Gesellschaft seien.
- Bedenken Sie, das Förderschularbeit auch viel mit Beziehungsarbeit zu tun hat, mit Stärkung des Selbstwertgefühls, mit Förderung von Stärken. Das kann ich als “Beratungslehrer und Nachhilfelehrer mit einigen wenigen Stunden, mit vielen verschiedenen Kindern, an verschiedenen Schulen nicht leisten. Die Regelschulkollgen müssen sich anderseits auch den “normalen Schülern” widmen und mit den Richtlinien, den zentralen Prüfungen und den PISAstudien im Nacken alles unter einen Hut bringen. Das alles ohne die entsprechenden Rahmenbedingungen im Nacken grenzt an Übermenschliches. Da könnte auch der Grund sein, warum so viele Lehrer durch Krankheit ausfallen, was den Personalnotstand zusätzlich verschärft.
Ich für meinen Teil werde im kommenden Schuljahr mir der Hälfte meiner Stunden an einer Sek.1 Schule abgeordnet sein. Mit der anderen Hälfte darf ich weiterhin versuchen, die hohen Standards unserer Förderschule hoch zu halten. Es geht auf die Sommerferien zu. Ich weiß noch nicht, welche Förderkinder mir zugeordnet werden, ich weiß noch nicht in welchen Klassen ich fördern muss, ich weiß noch nicht, welche Behinderungen die Kinder haben, ich weiß noch nicht, mit wem ich zusammen arbeiten soll. Keiner kann mir Genaueres sagen. Ich weiß noch nicht einmal ob diese Schule einen Schulleiter haben wird, weil der jetztige in Pension geht und es noch keinen Nachfolger gibt. Viele rahmenlose Bedingungen und ungeklärte Fragen und das an einer Schule, die seit Jahren Kinder im gemeinsamen Unterricht betreut. Also werde ich im nächsten Schuljahr völlig unvorbereitet meine mir noch unbekannte Aufgaben wahrnehmen, etwas bestbezahlten Nachhilfeunterricht leisten und wahrscheinlich die Lust an meinem gelebten Beruf verlieren, weil ich vermutlich unter diesen katastrophalen Bedingungen nichts ausrichten kann. Mir geht das Herz auf, wenn ich sehe, dass meine ehemaligen Regelschüler ( teils aus dem GU) die in Klasse 8 noch nicht einmal die Grundrechenarten beherrschten, jetzt Zinsen, Prozente und Gleichungen rechnen, die Eistellungstest besser als die Hauptschüler bestehen und unsere Schule mit einem Lehrvertrag verlassen. Natürlich nicht alle. Wunder vollbringen kann ich auch nicht. Noch ein Wort zur Aussonderung: Keiner wirklich keiner meiner Schülerinnen und Schüler hätte in dieses deutsche Regelschulsystem zurück gewollt. Gebt mir die Rahmenbedingungen, die Förderung aller Kinder erfordert, dann könnte es gelingen.
Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass die UN Konvention für die Politik eine willkomene Gelgenheit war, noch weniger Geld fürs Bildungssystem auszugeben. Viele, viele schöne Worte und nichts dahinter.
Seien Sie umsichtig bei der Wahl des richtigen Förderortes, bitten Sie dem Unterricht beiwohnen zu dürfen, fragen Sie nach der Qualifikation der Kollegen, die ihr Kind fördern sollen, auch nach der von Integrationshelfer, fragen Sie nach dem Vertretungskonzept. Wenn der Sonderpädgoge krank ist, gibt es einfach keinen Ersatz. Wer nichts zu verbergen hat, bei dem stehen die Türen offen.
Das Wohl des Kindes sollte bei einer Schulwahl immer im Vordergrund stehen.
Fabian Lindemann
11. Juni 2012 von 10:50 (UTC 0) Link zu diesem Kommentar
„Von der ,Sozialen Stadt Herten’ sind wir meilenweit entfernt“
Von: Fabian Lindemann, Vorsitzender Die Linke Herten — Betr.: Berichte „Erik will mit seinen Freunden auf die weiterführende Schule“ und „Inklusion ist ein Menschenrecht“ — HA vom 5. Juni
Ich danke der HA für diese wichtige Berichterstattung. Zunächst geht der Kommentar unter „Im Blickpunkt“ zwar sehr einseitig auf Kinder mit Behinderungen im schulpflichtigen Alter ein, stellt aber im Folgenden glücklicherweise dar, dass Inklusion ein Konzept ist, welches alle Menschen betrifft, egal welche Einschränkungen und Fähigkeiten sie besitzen. Ich erinnere mich noch gut an eine Sitzung des „Sozial-Ausschusses“ im vergangenen Jahr, bei welcher Herr Müller von der Caritas deutlich dafür geworben hat, Herten als „sozialer Stadt“ ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal zu sichern. Er zeigte auch deutlich auf, dass dies wirtschaftlich sinnvoll sei, jedoch eine ausführliche Studie der Standorte benötigen würde. Schon damals war klar, dass die Inklusion als Menschenrecht kommen wird und uns vor große Herausforderungen in der Gestaltung der Schullandschaft stellen wird. Durch angebliche haushaltspolitische Zwänge wurden in Herten anschließend Schulen zusammengelegt und geschlossen. Regelmäßig begründet mit zurückgehenden Schülerzahlen. Mal abgesehen davon, dass es sehr positiv wäre, von einer durchschnittlichen Klassenstärke von über 30 Kindern auf eine niedrige Auslastung zu kommen: Mit der Herausforderung und der Ausstattung für inklusive Schulen hat damals offenbar kaum jemand gerechnet, obwohl dieses Thema damals bereits bekannt war und in politischen Debatten von den Linken thematisiert wurde. Ich möchte weder der Verwaltung noch der Regierungspartei allein eine Schuld zuweisen. Eine – meiner Meinung nach – sinnlose Politik der Kürzungsorgien und des Abbaus von Demokratie scheint allgemein gewollt zu sein. Unser Herten begibt sich freiwillig in diesen Zwang. Leider scheint das auch die einzige Bestrebung zu sein, der wir in Herten nachhängen. Soziale Projekte haben aktuell keine Lobby, denn sie kosten erst einmal Geld. Inklusion findet in Herten kaum statt – ähnlich wie in anderen Kommunen im Kreis. Aber zumindest gibt es woanders entsprechende Bemühungen in der Politik. „Eine Schule für alle“ hat die Linke schon lange gefordert – vor allem im Rahmen einer wirklichen Inklusion. Die neue „Sekundarschule“ erfüllt nicht einmal im Ansatz die UN-Menschenrechte in Herten, obwohl der Grundansatz positiv ist. Ich habe jetzt noch nicht über die Menschenrechte bei Beruf, Unterbringung und Freizeit gesprochen, die ebenfalls unsere Stadt verändern werden und unsere eigenen Vorurteile relativieren sollen. Hierzu gibt es in Herten ebenfalls kein zusammenhängendes Konzept. Von der „Sozialen Stadt Herten“ sind wir meilenweit entfernt, aber dieses Thema wird uns hoffentlich jetzt endlich mehr beschäftigen. Sonst sind wir bald die „Verwaltung der sozialen Wüste Herten“.